Montag, 27. Oktober 2008

Lessons learned – oder: andere Länder, andere Gesetze

Von der letzten Woche gibt es leider nicht viel Erfreuliches zu berichten und ich hoffe, dass das die einzigen negativen Erfahrungen sind, die ich hier machen werde. Aber auch diese Phase ist hoffentlich überstanden und jetzt kann das Leben hier erst recht los gehen :-)

Das ganze „Drama“ fing im Grunde genommen am Sonntag vor einer Woche an, als Karla und ich von einem Downtownbesuch zurück nach Hause kamen. Zufälligerweise fanden wir in der Garage einen herrenlosen Brief rumliegen, der zwar an unser Apartment adressiert war, jedoch auf den Namen des Vormieters. Da der Vormieter schon seit Mitte September nicht mehr hier wohnt, haben wir den Brief aufgemacht – zu unserem Glück, wie sich später noch herausstellen sollte. Der Brief war von einer Anwaltskanzlei und besagte, dass auf unsrer Wohnung eine Pfändung liege, weil der Vormieter eine Telefonrechnung über umgerechnet rund 45,- Euro nicht bezahlt hatte. Weiter war geschrieben, wenn innerhalb von 72 Stunden nach Erhalt dieses Briefes die Rechnung nicht beglichen wäre, die Wohnung am Freitag, 24. Oktober gepfändet werden würde (Anmerkung: der Brief kam am 30. September an, ich bin am 5. Oktober eingetroffen).

Ich hab mir zunächst gar keinen Kopf gemacht und verstand die ganze Aufregung meiner Mitbewohnerin nicht. Nach langer Diskussion habe ich dann endlich kapiert, dass hier die Gesetze ganz anders sind, als ich es gewöhnt bin und ich meinen Verstand ausschalten muss, um zu verstehen, wie hier gewisse Sachen ablaufen. In Mexico ist es nämlich so, dass trotz Mieterwechsel (!) ein Embargo auf der Wohnung bestehen bleibt. Für uns hiess das also, dass unsere Sachen am Freitag gepfändet werden, obwohl wir mit der ganzen Sache gar nichts zu tun haben und uns keine Schuld trifft.

Da von Seiten der Organisation, mit der wir hier sind, weder Hilfe noch Verständnis kam, sondern nur die Anmerkung, dass das unser eigenes Problem sei, haben wir uns die Finger wund telefoniert und bei allen möglichen Leuten Rat geholt (Internet, Anwalt, Konsulat, Arbeitskollegen und Vorgesetzte usw.) Wir bekamen immer eine ähnliche Antwort: so schnell wie möglich aus der Wohnung raus! Denn hier in Mexico werde „zuerst geschossen und dann geschaut, was dabei wie schwer getroffen wird“ – das soll heissen, dass es dem Staat erstmals egal ist, woher er das Geld bekommt, Hauptsache, er hat überhaupt etwas in den Fingern; das von wem und wieso wird erst viel später geklärt, oder wird ganz vergessen. Würden wir also nicht so schnell wie möglich die Wohnung verlassen oder mit dem Vermieter einig werden, seien all unsere Sachen weg und wir hätten dazu noch den mexikanischen Staat am Hals.

Da der Vermieter jedoch zunächst nicht dazu bereit war, die Rechnung zu begleichen, weil er es nicht als seine Pflicht/ sein Verschulden ansah, standen wir also vor einem grossen Problem und vielen Fragezeichen. Vor allem meine wenigen Sprachkenntnisse machten die ganze Situation für mich persönlich noch um einiges unangenehmer…

Es sei noch anzumerken, dass wir den Mietvertrag bis jetzt noch nicht unterschrieben haben, weil dieser über 12 Monate läuft. Da ich offiziell jedoch nur 10 Monate da bin und bei vorläufiger Wohnungskündigung sowohl die Kaution nicht zurück bezahlt wird, als auch eine Strafe von 4 Monatsmieten zu zahlen ist, haben Karla und ich uns bis jetzt geweigert, unter solchen Bedingungen den Vertrag anzunehmen (hier kommt wieder unsere Studentenorganisation ins Spiel, die erneut der Ansicht ist, dass das unser Problem sei). Den Vertrag müssen wir zusammen unterschreiben, weil wir hier auch zusammen wohnen; also können wir den Vertrag auch nur gemeinsam künden und sind somit gegenseitig füreinander verantwortlich.

Nach nächtelangen Diskussionen (mit durchschnittlich nicht mehr als drei Stunden Schlaf) mit Organisation und Vermieter, täglich ändernden Entscheidungen von einer eigenen Wohnung alleine (und somit die Kaution der jetzigen Wohnung verlieren), mit Karla zusammen was Neues suchen, über nur ein Zimmer zur Untermiete nehmen bis hin zu Hotelaufenthalt bis die Sache geklärt ist, hat der Vermieter irgendwann doch eingelenkt und die Rechnung beglichen. Als er nämlich mitbekommen hat, dass wir mit unseren Heimatländern im Kontakt sind, hat er wahrscheinlich kalte Füsse bekommen. Somit ist also das Problem mit dem Embargo erstmals vom Tisch (und hoffentlich folgen keine weiteren mehr)…

Karla und ich haben uns jetzt auch entschieden, hier zusammen in der Wohnung zu bleiben. Denn es ist sehr schwierig, vor allem in einer sicheren Gegend eine Wohnung auf die Schnelle zu finden. Ausserdem ist es dann auch nicht sicher, ob wir mit der neuen Wohnung die gleichen Probleme haben werden.

Angeblich erhalten wir nächste Woche eine schriftliche Bestätigung der Anwaltskanzlei, dass wir nichts mit der offenen Rechnung zu tun haben und somit aus der Sache raus sind. Aber eines habe ich in den letzten paar Tagen gelernt – dass ich hier nicht einfach alles so leicht glaube, was man mir sagt und ich bin sehr vorsichtig geworden.

Um das Problem mit dem Mietvertrag zu lösen und um nächstes Jahr auf keine weiteren Unannehmlichkeiten zu stossen, haben wir einen Brief aufgesetzt, der gewisse Dinge festhält und regelt, so z.B. dass wir nach 10 Monaten die Wohnung verlassen und jegliche anfallenden Kosten von der Organisation gedeckt werden, oder die Verpflichtung der Mietfortzahlung durch die Organisation, wenn eine von uns beiden vorzeitig nach Hause muss. Dieser Brief muss sowohl von dem Präsidenten der Organisation als auch von Karla und mir unterschrieben werden, inklusive Daumenabdruck (ist sehr wichtig hier in Mexico, sonst hat das Dokument keinen Wert) und ID-Nummer. Dann werden wir ihn von einem Anwalt beglaubigen lassen, damit es ein rechtlich anerkanntes Dokument ist. Wenn das erledigt ist, werden wir auch den Mietvertrag unterschreiben.

Ist alles sehr verwirrend und waren turbulente Tage, in denen ich wahrscheinlich aussah, wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Ich kam mir teilweise auch vor wie ein Fähnchen im Wind, das nicht weiss, von welcher Richtung der Wind kommt und wo hin es sich drehen soll.



Nichtsdestotrotz hat mich die (fast grenzenlose) Hilfsbereitschaft einiger Personen hier sehr berührt, die mich in diesen Tagen immer wieder aufgemuntert haben und mir ohne zu zögern ihre Unterstützung anboten. Dafür bin ich sehr dankbar und ich weiss sie sehr zu schätzen! Denn in allen negativen Erfahrungen stecken auch viele positive. Ich bin gespannt darauf, was die nächsten Tage bringen werden und bin zuversichtlich, dass alle „Problemchen“ gelöst werden können…

Hasta luego und lasst es Euch gut gehen!
Steffi

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Regen, Brot im Kühlschrank und andere Eigenarten

So langsam weiss ich, wie hier der Hase läuft und mir fallen immer mehr Eigenarten und Besonderheiten der Mexikaner auf. Leider ist das Wetter momentan nicht so besonders und ähnelt wahrscheinlich eher dem in Europa. Von wegen Hitze und Sonnenschein! Heute regnet es schon den ganzen Tag, was hier recht schnell unangenehm werden kann. Bis jetzt habe ich nämlich noch keinen einzigen Gulli oder sonstigen Kanalabfluss entdeckt. Das heisst also, dass auf den Strassen überall das Wasser steht. Vor allem morgens, wenn ich im Dunkeln aus dem Haus gehe, muss ich aufpassen, dass ich im Halbschlaf und mit noch nicht ganz geöffneten Augen aus Versehen nicht mit meinen Absatzschuhen bis zum Knöchel in irgendeiner Pfütze lande. Man sollte auch nicht ganz so nah an der Strasse laufen, da die vorbeifahrenden Autos dafür sorgen, dass man sich das Duschen sparen kann – das ist mir natürlich prompt heute morgen passiert. Es ist natürlich „sehr“ angenehm im Büro zu sitzen, wenn den ganzen Tag die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen – egal, wie warm oder kalt es draussen ist! Seit Montag habe ich eine Mitbewohnerin – Karla aus Peru. Sie ist eine sehr liebe und wir verstehen uns gut. Sogar die Kommunikation funktioniert einwandfrei mit einem Gemisch aus Englisch und Spanisch. Ich denke, dass wir gut zusammen leben werden und bin schon gespannt, wie es mit Kochen, Putzen usw. aussehen wird. Karla hat mir nämlich erklärt, dass sie bis jetzt jemals weder gekocht noch gewaschen, geschweige denn geputzt hat, da sie für sich alleine eine „Nanny“ in Peru hat, die für diese Sachen verantwortlich ist (und das mit 29 Jahren!). Aber wir werden es sicher lustig miteinander haben und sind schon kräftig dabei, gemeinsame Reisepläne zu schmieden…

Heute ist mir was lustiges aufgefallen, als ich mit dem Bus nach Hause gefahren bin: wenn ein Restaurant kein Wechselgeld mehr hat, dann stellt sich einfach ein Mitarbeiter an den Strassenrand und wartet auf den nächsten Bus, um mit dem Fahrer die Noten in Münzen umzutauschen. Es ist hier nämlich sehr schwierig mit Scheinen den Bus zu bezahlen. Auf Nachfragen wurde mir gesagt, dass das hier so üblich sei… stellt Euch das mal bei uns vor – man steht bei McDonalds an der Kasse und muss erst mal warten, bis die Angestellte wieder von draussen zurück kommt, um Wechselgeld raus zu geben. Da wären wir schon längst wieder gegangen, ohne Essen!

Die Methode, wie sie hier Brot aufheben, habe ich auch noch nicht gekannt – hier liegt es nämlich im Kühlschrank. Angeblich bleibt es so länger frisch und fängt nicht so schnell an zu schimmeln. Jänu, ich werds mal ausprobieren.

Meinen ersten „richtigen“ mexikanischen Tequila habe ich auch schon hinter mir und man kann sich wirklich dran gewöhnen – mal schauen, ob das meinen Jägermeisterersatz werden kann ;-) Als ich jedoch erklärt habe, dass man bei uns braunen Tequila mit Orange und Zimt trinkt, bin ich ziemlich schräg angeschaut worden… hier gibt’s den ausschliesslich mit Salz und Zitrone.

Den Machoismus habe ich im positiven Sinne auch schon kennengelernt – als Frau MUSS man immer als erstes durch die Tür gehen, die man von Mann IMMER aufgehalten bekommt. Beim Einsteigen in den Bus ist das auch nicht anders und als Frau bekommt man so gut wie immer den Vortritt. Fährt man mit einem männlichen Wesen Auto, wird Frau zur Beifahrerseite begleitet und man bekommt die Tür sowohl auf als auch zu gemacht. Beim Einkaufen in männlicher Begleitung ist das auch nicht anders und Frau muss sich auch keine Gedanken machen, dass die Tüten zu schwer werden könnten, denn Mann trägt sie selbstverständlich, auch wenn es nur ein paar Meter zum Auto oder nach Hause sind. Das Ganze ist zwar schon gewöhnungsbedürftig, aber manche europäischen Männer könnten hier noch so einiges lernen ;-)

Meine Spanischkenntnisse werden auch schon besser, aber ich bin noch auf der Suche nach einem günstigen Unterricht. Beim Arbeiten spreche ich so ziemlich alles Querbeet, von Spanisch, Hochdeutsch und Englisch zu Pfälzisch und ab und zu Schweizerisch… da ist mein Hirn abends manchmal ganz schön überfordert. Vor allem mit Gabriel, ein anderer Praktikant von Monterrey, der mir genau gegenüber sitzt, lerne ich jeden Tag neue Wörter – mittlerweile kenne ich sogar schon so (überlebens-)wichtige Sachen wie perforadora (Locher), abrochadora (Tacker), tijera (Schere) usw. Also wundert Euch nicht darüber, wenn manche Sätze grammatikalisch etwas in der Schieflage sind!

Die beste Nachricht des Tages ist, dass wir seit heute endlich Internet haben!! Bin ab jetzt also voll und ganz erreichbar J Das ist gar nicht so einfach hier, denn erstens laufen die Verträge immer ein Jahr und man kann nicht einfach vorher kündigen. Zweitens müsste ich mit Karla zusammen einen Vertrag abschliessen, da wir ja auch zusammen wohnen. Da sie Peruanerin ist, ist es jedoch so gut wie gar nicht möglich, einen Vertrag abzuschliessen. Denn Südamerikaner haben hier ganz andere Rechte, sie können zum Beispiel auch nicht einfach Auto fahren, geschweige denn eins mieten. Da hab ich es dann doch etwas einfacher mit meinem Pass ;-)

Um einem Vertragsabschluss aus dem Weg zu gehen, haben wir einfach bei unserem Nachbarn angeklopft und ihn gefragt, ob wir sein WLAN mitbenutzen dürfen – so schnell und günstig bekommt man in Europa kein Internetanschluss!

Also, so viel für momentan!

Liebs Grüessli und bis bald!
Steffi

Samstag, 11. Oktober 2008

Monterrey - Stadt der Fastfood-Restaurants

Jetzt bin ich schon knapp eine Woche hier und habe mich schon ganz gut eingelebt. Natürlich habe ich meinen Tagesrhythmus noch nicht ganz gefunden, aber immer langsam und eins nach dem anderen…

Letzten Sonntag bin ich nach einer knapp 20-Stündigen Reise (mit Zwischenstopp in Detroit) gegen 19.00 Ortszeit gut in Monterrey angekommen und wurde herzlich empfangen.
Die Wohnung ist in der Näher der Privatuni in einem Studentenviertel und besteht aus zwei Schlafzimmern (am Montag kommt meine peruanische Mitbewohnerin und ich bin schon sehr gespannt auf sie), einem Bad, ein Boilerzimmer und eine offene Wohnküche. Mein Zimmer ist mit einem Bett und einer Kommode ausgestattet und hat sogar einen extra Raum, der als Schrank dient. Weitere Ausstattung sind Kaffeemaschine und Mikrowelle, zwei Sofas, ein Sessel und Tisch mit Stühlen. Es ist also sehr komfortabel und die Klimaanlage funktioniert auch.
Es gibt aber noch einiges zu kaufen, wie zum Beispiel Radiowecker, Besteck, Töpfe, Putzsachen usw. Das ist gar nicht mal so einfach, wenn man kein Auto hat und auf Bus und Taxi angewiesen ist!

Das mit dem Verkehr hier ist nämlich ein anderes Thema – die Distanzen sind bei einer 3.6 Millionen-Einwohner-Stadt relativ gross, so dass man ohne fahrbaren Untersatz überhaupt nicht vom Fleck kommt. Vor allem die öffentlichen Verkehrsmittel sind anfangs eine Herausforderung, da sie hier weder Busfahrplan noch Routennetz oder sonstiges kennen… Aber das macht das ganze ja erst richtig „interessant“ ;-)

Trotzdem bin ich viel zu Fuss unterwegs und habe schon etwas die Gegend um meine Wohnung und das Stadtzentrum (Downtown) erkundet. Es gibt viele Museen und grosse Gebäude, aber als wirklich schön kann man die Stadt nicht bezeichnen. Dennoch hat es ein gewisses Flair inmitten des ganzen Chaos. Vor allem die Leute sind sehr nett und versuchen einem weiter zu helfen, sobald sie merken, dass man Ausländer und nicht Amerikaner ist!


Bis Donnerstag hatte ich kein Gas in meiner Wohnung, so dass ich weder kochen konnte noch warmes Wasser zum Duschen hatte. Letzteres war derweil das grössere Übel, obwohl es bei einer Aussentemperatur von 35 Grad noch zu ertragen war. Mit den vielen Fastfood-Restaurants an jeder Ecke braucht man sich auch keine Gedanken zu machen, dass man verhungern könnte…

Am Donnerstag hatte ich dann endlich meinen ersten Arbeitstag bei Preh (http://www.preh.com/). Seit dem klingelt mein Wecker jetzt immer um 5.30!! Um pünktlich um 7.30 anzufangen, muss ich nämlich frühzeitig aus dem Haus. Denn die Firma liegt in Guadalupe im Industriepark. Bis ich dort bin, nehme ich zuerst einen Bus, steige dann in die Metro um und fahre noch einmal mit dem Bus weiter, bevor ich das letzte Stück laufe. Der ganze Weg dauert also ca. 1,5 Stunden, je nachdem, wie lange ich auf die Busse warten muss. Abends geht’s den gleichen Weg wieder zurück, wobei mich bis jetzt freundlicherweise immer jemand vom Geschäft mit dem Auto mit zur Metrostation genommen hat.

Die Arbeit gefällt mir wirklich gut und es ist sehr interessant, für einen Automobilzulieferer zu arbeiten und so einen Einblick in die Produktion zu erhalten. Die Kollegen sind alle sehr nett und helfen mir gern – auch wenn das manchmal etwas dauert mit meinen wenigen Brocken Spanisch. Aber dafür gibt’s ja noch das „Hafüsisch“, das mit den Händen und Füssen verständigen, vermischt mit etwas Englisch, und dann klappt das irgendwie schon.

Also, so viel mal von meiner Seite. Lasst es Euch gut gehen, ich denk an Euch!

Hasta pronto y un abrazo!
Steffi